Der Zusammenhang von Tierquälerei und Kriminalität war Thema einer Informations- veranstaltung des Schweizer Tierschutz STS im Marriott Hotel in Zürich. Frank Urbaniok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Justizvollzug des Kantons Zürich, und Andrea M. Beetz vom Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation der Universität Rostock beleuchteten das Thema aus wissenschaftlicher Sicht. Zusammenfassend lässt sich sagen: Wer Tiere quält, neigt auch zu Gewalt gegen Menschen. Deshalb ist ein konsequenter Tierschutz nicht nur für das Wohl der Tiere wichtig, sondern auch für die Gewaltprävention im zwischenmenschlichen Zusammenleben.

Tierquälerei ist in der Schweiz sehr verbreitet: Rund 6’500 Tierschutzstraffälle hat die Datenbank der Stiftung Tier im Recht in den Jahren 1982 bis 2008 erfasst. Seit 1998 ist eine deutliche Zunahme der Fälle zu verzeichnen: Gab es 1995 schweizweit noch 190 Fälle pro Jahr, waren es 2008 deren 712. Die häufigsten Delikte betreffen Nutztiere, dicht darauf folgen Heimtiere. Besonders häufig betroffen sind Hunde. Die tatsächliche Zahl der Tierschutzstraftaten dürfte aber weitaus höher sein und lässt sich nur schwer beziffern, wie Antoine F. Goetschel, Tieranwalt des Kantons Zürich, an der gut besuchten Veranstaltung des Schweizer Tierschutz STS erklärte. Die Gründe dafür ortet Goetschel unter anderem in "fehlender Zivilcourage, Angst vor Vergeltungsmassnahmen, Gleichgültigkeit", aber auch im "Desinteresse oder in Kapazitätsengpässen" der zuständigen Behörden. >> Referat von Antoine F. Goetschel

Tierquälerei ist über das Verhältnis von Mensch und Tier hinaus von gesellschaftlicher Relevanz. "Eine wachsende Anzahl an Studien belegt eine Verbindung von Tierquälerei und zwischenmenschlicher Gewalt", so Andrea M. Beetz vom Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation der Universität Rostock. Je früher und je öfter jemand Tiere misshandle, desto eher greife er auch zu Gewalt gegen Menschen. Opfer von absichtlicher Tierquälerei sind häufig Hunde und Katzen, aber auch Kleintiere im häuslichen Umfeld. Während aggressive und absichtliche Tierquälerei überwiegend von Männern begangen wird, steht bei Frauen die Vernachlässigung von Tieren im Vordergrund. Aber, so Beetz: "Auch Kinder und Jugendliche quälen Tiere." Die Mehrheit der Täter seien Jungen, als Einzeltäter oder Mitläufer in Gruppen. Häufige Gründe für geplante oder spontane Akte von Tierquälerei sind Rachegelüste und Wut. Aber auch das Scharfmachen von Hunden fällt gemäss Beetz unter Tierquälerei.

Als besonders erschreckend wird das Motiv der «Freude am Quälen» empfunden. Dieses Motiv ist besonders aussagekräftig im Hinblick auf mögliche zwischenmenschliche Gewalt. Im Rahmen häuslicher Gewalt werde das Tier häufig als Druckmittel gegen die Partnerin oder das Kind (z.B. sexueller Missbrauch) eingesetzt. Auf der anderen Seite quälten missbrauchte Kinder selbst manchmal Tiere, um den Missbrauch an einem noch Schwächeren auszuleben oder im posttraumatischen Spiel zu bearbeiten.

"Fällen von Tierquälerei nachzugehen, kann wichtige Hinweise auf ein von Gewalt und Missbrauch geprägtes Umfeld, Gewaltkriminalität oder eine psychiatrisch relevante Störung des Täters liefern", so die Expertin aus Rostock. Aufgrund klinischer Erfahrung und der heutigen Studienlage sei der Missbrauch von Tieren ein wichtiges Diagnosekriterium für eine Störung des Sozialverhaltens. Typische Merkmale dieser Störung seien Aggression, Quälen anderer Personen und Tiere, Zerstörung von Eigentum anderer, Feuerlegen. Kriminelles Verhalten in der Jugend oder im Erwachsenenalter gingen oft damit einher. "Tierschutz ist also nicht nur im Sinne des Tieres, sondern auch im Sinne der Gesellschaft", so die Schlussfolgerung von Andrea M. Beetz. >> Referat von Andrea M. Beetz

Mit Straftaten als "Spezialfall der asymmetrischen Machtbeziehung" befasste sich Frank Urbaniok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Diensts im Justizvollzug des Kantons Zürich. Ein Täter könne eine Straftat deswegen begehen, weil er sich gegenüber seinem Opfer im Vorteil befinde. Dabei könne es sich um körperliche, psychische, finanzielle oder hierarchische Überlegenheit handeln, aber auch um einen Informations- oder Wissensvorsprung, besondere Skrupellosigkeit, ein Überraschungsmoment, den Einsatz von Waffen oder eine Vielzahl anderer Aspekte.

"Wir alle finden uns in Situationen, in denen wir einmal auf der eher mächtigen und dann wieder einmal auf der eher ohnmächtigen Seite sind", so Urbaniok. Machtgefälle gebe es sowohl im Berufsleben wie auch in privaten Beziehungen. Doch nicht alle Menschen können mit der Übermacht gleich gut umgehen. Risikorelevante Persönlichkeitsmerkmale sind z.B. Gewaltbereitschaft, Dominanzstreben, Dissozialität, sexuelle Abweichungen, delinquenzfördernde Weltanschauungen etc. Dazu kommen situative Faktoren, etwa wenn grenzverletzendes Verhalten ausdrücklich erlaubt oder die Wahrscheinlichkeit, bestraft zu werden, sehr gering ist. Ein weiterer Faktor ist, wenn das Machtgefälle sehr gross ist. "Alle diese Faktoren sind typisch für das Verhältnis zwischen Mensch und Tier", stellt Urbaniok fest. >> Referat Frank Urbaniok

Die legitimen Rechte von Tieren zu verteidigen und Gewaltkriminalität zu bekämpfen, so das Fazit von Frank Urbaniok, seien unterschiedliche Facetten eines umfassenderen Anliegens: "Es geht darum, sich für eine Gesellschaft mit weniger Gewalt, weniger Missbrauch, weniger Ausbeutung, weniger Betrug und damit weniger Opfern einzusetzen. Und dafür muss man kein Idealist sein, denn davon profitieren wir alle."

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